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Brief an eine Freundin (2)

(von einem nebligen Morgen)

... kaum 10 Minuten vor 9 Uhr an diesem Samstagmorgen. Der Nebel liegt über allem; ein Schleier, der die schon wach sind weiter unter sich einlullt.
Ich bin vor ca. einer Stunde durchs mit Müll versaute, menschenverlassene Niederdorf gegangen, habe ein paar Fotos gemacht, an der Bushaltestelle stand ein Kerl, oben mit nichts an ausser einem weissem Hemd, er zitterte und schlotterte im kalten Oktobernebel. Er kam zu mir hin und fragte nach Feuer, erzählte, er habe seine Jacke einem Typ im Rollstuhl geschenkt, weil "Gott sieht alles", sagte er. Ich durchsuchte also die Aussentasche meines Sacks, fand Zündhölzer der 'Cantina' und gab sie ihm - er solle sie behalten, sagte ich.
Er roch noch nach Ausgang, machte aber ein fröhliches Gesicht - danach im Bus, (er hatte sich mit froher Miene zu mir gesetzt), fragte er mich beinahe verwundert, ob ich Schweizer sei, was ich lachend mit Ja beantwortete. Ich fragte ihn demnach woher er komme und er stellte sich als ein Serbe heraus, der 1977 als vierjähriger das Erstemal in die Schweiz gekommen sei. Damals habe er irgendwo in Wetzikon einem Bauer die Kirschen vom Baum stibitzt, lachte er - ja das sei schon was gewesen, die ersten Jahre in der Schweiz!
Bald stieg er aus, aber er fragte noch ob ich Hunger hätte. Zweifellos war er am verhungern von der Zecherei. Ich, der ich gerade dem Bett entstiegen war, lehnte dankend ab. Wir gaben uns freundlich die Hand und weg war er.


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